„Dieses Buch ist enorm wichtig!“ – Harald Welzer über „Smarte Grüne Welt“

Maja Göpel, Harald Welzer, Ina Schieferdecker und Tilman Santarius diskutieren mit dem Publikum über Smarte Grüne Welt. (Foto: IÖW)

Wie passen Digitalisierung und Nachhaltigkeit zusammen? Welche Leitbilder für eine zukünftige Digitalisierungsstrategie braucht es? Kann Digitalisierung der Transformationsbewegung auf die Sprünge helfen? Am 7. März 2018 stellte Tilman Santarius das Buch „Smarte Grüne Welt? Digitalisierung zwischen Überwachung, Konsum und Nachhaltigkeit“ im Einstein Center Digital Future in Berlin vor. Auf dem Book Launch diskutierte er mit Ina Schieferdecker und Harald Welzer über Digitalisierung und welches Potenzial sie für eine bessere Gesellschaft bietet. Die Veranstaltung moderierte Maja Göpel.

Ein wichtiges Buch zum richtigen Zeitpunkt

Die Podiumsgäste sind sich einig: Das Buch kommt zum richtigen Zeitpunkt. Auch der volle Saal des Einstein Center Digital Future zeigt das große Interesse am Thema Digitalisierung und Nachhaltigkeit nicht nur aus Reihen der Nachhaltigkeitsforschung. Bestseller-Autor und Soziologe Harald Welzer von Futurzwei fasst zusammen: „Digitalisierung ist das am wenigsten politisierte Thema unser Gegenwart, obwohl es die folgenreichste Technologie ist“. Und: „Dieses Buch ist enorm wichtig!“

Welzer bekräftigt das Argument der Autoren, dass technologische Innovationen einen immensen Ressourcenverbrauch haben und nicht automatisch zu einer nachhaltigen Gesellschaft beitragen. Ina Schieferdecker, Gründungsdirektorin des deutschen Internet-Instituts widerspricht der Annahme, dass Digitalisierung ein Mehr an fossilen Energieträgern benötige. Sie fragt, wie realistisch und belastbar die Idee der digitalen Suffizienz sei, wie sie Santarius und Lange in „Smarte Grüne Welt?“ als Leitkonzept einer digitalen Zukunft skizzieren.

Faire Verteilung des digitalen Kuchens

Das Leitbild der digitalen Suffizienz bedeutet, technische Produkte und Datenströme der Digitalisierung zu begrenzen, um Umweltfolgen zu reduzieren. Weitere Leitbilder sind konsequenter Datenschutz und Gemeinwohlorientierung. Diese seien notwendig, denn „die Wachstumsversprechungen der Digitalisierung werden sich mittel- und langfristig nicht erfüllen“, so Santarius. Gerade im Niedriglohnsektor werde es zu massiven Verlusten von Arbeitsplätzen kommen, wodurch sich die ungleiche Verteilung von Reichtum in der Gesellschaft verstärken könnte. Digitalisierung berge die Gefahr, einen „digitalen Neo-Feudalismus“ zu erschaffen, in dem sich wenige Reiche den digitalen Kuchen aufteilen und die große Mehrheit zu Verlierern wird.

Stattdessen sollten Bürger/innen zu Prosument/innen werden, die mithilfe der Digitalisierung kollaborative Praktiken des Wirtschaftens initiieren und etablieren, schlägt das Autorenteam vor. Um das zu erreichen, lautet ihr Fazit: Es braucht eine sanfte, gesteuerte Digitalisierung und keine Gesellschaft aus Nullen und Einsen, in der gemeinschaftliche Ziele in den Hintergrund rücken.

Digitalisierung: Potenzial für eine bessere Gesellschaft?

Laut Schieferdecker könne eine digitalisierte Stadt ökologische und soziale Innovationen vorantreiben. Sie stellt an diesem Beispiel die großen Chancen von Digitalisierung auch im Sinne einer nachhaltigen Zukunft in den Vordergrund: „Eine Smart City steht dafür, dass wir die Lebensqualität erhöhen und Ressourcenverbrauch effizienter nutzen“, plädiert die Expertin für Digitales. Santarius meint, dass Digitalisierung vor allem der Ermächtigung der Konsument/innen dienen solle: „Den größten Beitrag zur Nachhaltigkeit leistet Digitalisierung, wenn sie zu sozialen Innovationen und nachhaltigen Praktiken beiträgt.“ Im Gegensatz zu anderen technologischen Entwicklungen in der Vergangenheit, könnten Menschen die Digitalisierung aktiv mitgestalten und für sich nutzen.

Brauchbare Utopien und Zugang zu Daten

Aus dem Publikum wird gefordert: „Wir müssen brauchbare Utopien entwickeln und die unglaublichen Chancen der Digitalisierung beispielsweise für die Mobilität und Stadtentwicklung nutzen.“ Dafür sei laut Ina Schieferdecker der freie Zugang zu Daten, Forschung und Algorithmen notwendig. Eine am Gemeinwohl orientierte Gesellschaft bedeute auch „alle Daten für jeden Zweck für jedermann“, so Schieferdecker. So seien soziale Akteure durch Digitalisierung und freien Zugang zu Daten in der Lage, Informationsangebote in Städten zum Beispiel für Menschen mit Beeinträchtigungen bereitzustellen. Santarius lenkt ein, „das Leitprinzip Datensuffizienz sagt nicht, dass überall und immer weniger Daten besser sind.“

Wünsche für die digitale Zukunft

Ist die Digitalisierung eine Werkzeugkiste für Utopien oder schafft sie nur soziale und technologische Innovationen? Diese Frage bleibt offen. Während Ina Schieferdecker sich mehr Vertrauen wünscht, weist Harald Welzer auf die Risiken für die aufgeklärte und autonome Gesellschaft hin, aber auch auf die erhebliche Unterrepräsentation von Frauen in diesem Bereich „Smarte Grüne Welt?“ spricht sich für eine aktive Gestaltung der Digitalisierung aus, um das Ziel einer nachhaltigen und sozialen Welt zu erreichen. Die Vorstellung davon, wie aktiv und weitreichend eine solche Gestaltung aussehen soll, bot zwischen den Podiumsgästen weiterhin Anlass zur Diskussion.

Die Veranstaltung wurde vom IÖW, gemeinsam mit der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Oekom Verlag durchgeführt. Das Buch „Smarte grüne Welt?“ ist in der Nachwuchsgruppe „Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation“ von IÖW und TU Berlin entstanden. Die Nachwuchsgruppe wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Förderprogramm Sozial-ökologische Forschung (SÖF).

Mehr Informationen und zur Buchbestellung: www.nachhaltige-digitalisierung.de

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