Rahmenprogramm: Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation

Digitalisierung erfasst Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und damit auch immer mehr Lebensbereiche. In den fünf Tagen der Akademie möchten wir sowohl den Blick weiten für gesamtgesellschaftliche Risiken und Chancen (Rahmenprogramm), als auch besonders spannende Felder herausgreifen und aktuelle Entwicklungen vertieft diskutieren (Tracks). Daher bieten wir ein Rahmenprogramm, in dem Auswirkungen der Digitalisierung auf verschiedene Aspekte der Nachhaltigkeit gesamtheitlich betrachtet werden.

Erster Auszug des Programms:

  • Einführungsveranstaltung mit Dr. Tilman Santarius, Leiter der Forschungsgruppe „Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation“
  • Forumtheater zur Reflektion von digitalen Einflüssen mit Dominik Werner
  • Transformative Forschung zur Digitalisierung
  • Perspektiven der Digitalisierung von Green Growth und Postwachstumsökonomie
  • … weitere Einblicke folgen!

Die Tracks zur thematischen Vertiefung finden an drei Tagen statt. Hier können in Kleingruppen Forschungsfragen und -ergebnisse diskutiert werden. Auf Exkursionen wird der jeweilige Bereich zudem praktisch erfahrbar gemacht.

Track 1: Digitalisierung im Energiesystem: Energiewende von unten oder mehr Verwundbarkeit?

Im Track "Digitalisierung der Energiewende" beschäftigen wir uns mit dem Spannungsverhältnis von Notwendigkeit und Gefahren einer Durchdringung des Energiesystems mit Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT). Wir wollen lernen welche Chancen in der Digitalisierung des Energiesystems stecken, zum Beispiel in Form von virtuellen Kraftwerken oder peer-to-peer Netzwerken von Erzeugern und Verbrauchern. Andererseits wollen wir auch die Gefahren dieser Entwicklung beleuchten, zum Beispiel die Gefahr eines Blackouts durch kriminelle oder fremd-staatliche Hackerangriffe oder die Gefahren der Datensammlung und -auswertung durch zentrale Dienstleister im System. Der Track wird geprägt durch spannende Vorträge von ExpertInnen und AktivistInnen aus der Energie-IKT Szene, durch Besuche von realen Implementationen eines digitalen Energiesystems und durch Arbeiten an Fallbeispielen. Mit etwas Glück bekommen wir auch einen echten Einblick ins Live-Hacking.
Dieser Track wird angeleitet von Prof. Dr. Stefan Gößling-Reisemann (Uni Bremen)


Track 2: Digitale Mobilität

Die Digitalisierung im Bereich Mobilität wird wesentlich verändern, wie wir uns fortbewegen und wie unsere Städte aussehen. An vielen Stellen ist das schon heute deutlich. So ist Car-Sharing alltäglicher Anblick in den Großstädten, Angebot und Flottengröße wachsen beständig. Auch Fährräder und Elektroroller lassen sich über Free-Floating-Sharing nutzen. Das nächste Fahrzeug wird per App gefunden und gebucht, die Abrechnung erfolgt automatisch. Ride-Sharing-Teilnehmer werden teilweise in Echtzeit gematcht. Diese Entwicklungen allein hätten schon das Potenzial, urbane Mobilität auf den Kopf zu stellen. Doch an anderen Stellen rumort es mindestens genauso heftig: Das selbstfahrende Auto steht fast vor der Tür, sogar Hyperloops und autonome PV-Drohnen werden entwickelt. Ein grundlegender Wandel des Personenverkehrs ist für eine sozial-ökologische Transformation notwendig. Unsere Städte mit kaum genutzten Autos vollzustellen bedeutet eine massive Ressourcenverschwendung. Dies ist nicht nur mit ökologischen Implikationen verbunden, auch in sozialer Hinsicht ist die Inanspruchnahme von möglichem Wohn- und Lebensraum durch Parkplätze kritisch zu sehen. Die Digitalisierung bietet hier zwar theoretisch Entlastungspotenziale, praktisch jedoch ist der digitale Wandel mit direkten und indirekten Rebound-Effekten verbunden: Bestehende Autobestände und Infrastrukturen werden bisher nicht substituiert. Stattdessen werden nur noch mehr Teilnehmer auf die Straße gelockt und Fahrzeuge in die Stadt gestellt. Zudem ist die Nutzung kommerzieller Sharing-Angebote mit einer Preisgabe von persönlichen Bewegungsdaten verbunden, was indirekt wieder genutzt werden könnte, um Produkte und digitale Dienstleistungen wirksamer zu vermarkten. Wie können wir mit diesen Spannungsfeldern umgehen? Handelt es sich um Übergangsphänomene oder wurden die entscheidenden Weichen noch nicht gestellt? Mit diesen Fragen und skizzierten Themenfeldern werden wir uns auf der Herbstakademie auseinandersetzen. Wir werden Suffizienz-Chancen und Rebound-Risiken der digitalisierten Mobilität identifizieren. In einer Exkursion nach Berlin werden wir neue Technologien erleben und mit Entwicklern ins Gespräch kommen. Vor allem aber wollen wir an den Tagen überlegen, wie die Mobilität von morgen aussehen müsste, um Teil einer sozial-ökologischen Transformation zu werden.
Der Track wird angeleitet von Ruth Black (Öko-Institut) und Christian Uhle (IÖW). 

Track 3: Zeit-Rebounds durch Digitalisierung 

John Maynard Keynes prophezeite uns im Jahr 1930 für das 21. Jahrhundert auf Grund des technologischen Fortschritts eine 15 Stunden Woche. Auch aktuell gibt es Stimmen, die angesichts einer Digitalisierung unserer Arbeitswelt wieder das Ende der Arbeitsgesellschaft herbeischreiben. Doch obwohl die Digitalisierung die Entwicklung immer mehr vermeintlich Zeit einsparender Technik umfasst, bleibt doch vielfach das subjektive Gefühl bestehen, immer weniger Zeit zur freien Verfügung zu haben. Die neuen Möglichkeiten, über Apps zu kommunizieren, Informationen zu suchen oder Einkäufe in immer kürzerer Zeit zu erledigen, hat bisher nicht zu mehr Zeitwohlstand geführt. Vielmehr lässt sich ein direkter Zeit-Rebound-Effekt beobachten: Die Zeit-effizienten Technologien der Digitalisierung führen tendenziell dazu mehr Tätigkeiten in derselben Zeit zu verrichten. Die gesellschaftlichen Erwartungen orientieren sich an den neuen Normen dieser technologischen Beschleunigung. Wie ein Bumerang kehrt die eingesparte Zeit zu uns zurück und führt zu einer zunehmenden Verdichtung und Beschleunigung unserer Lebenszeit. Die resultierende Zeitnot trägt zugleich dazu bei, den Verbrauch ökologischer Ressourcen zu erhöhen. Die zunehmende Verdichtung unserer Aktivitäten geht häufig mit einem zunehmenden Ressourcenverbrauch einher, wie z.B. durch Kompensationskäufe. Vielfach fehlt schlichtweg die Zeit für eine suffiziente Konsumweise, die zeitintensive Tätigkeiten wie selbst machen und reparieren impliziert. Fast Food & Fashion wird Slow Food & Fashion aus Zeitnot vorgezogen. Zugleich bietet die Digitalisierung aber auch Chancen für eine suffizientere Konsumweise. Sie schafft Möglichkeiten sich z.B. über Foodsharing zu vernetzen, verschiedene Mobilitätsträger miteinander zu verbinden oder ermöglicht in Maker Spaces Formen moderner Subsistenzarbeit. In unserem Track werden wir uns gemeinsam die Zeit-Rebound-Risiken der Digitalisierung sowie deren Suffizienz-Chancen erarbeiten. Wir wollen dabei in die Praxis gehen und uns die arbeitsweltliche Seite hinter den Zeitspar-Apps anschauen. Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf die Zeitstrukturen des Lieferanten, wenn ich mir vom Sofa aus per App auf die Schnelle etwas zu Essen bestelle? Gemeinsam wollen wir schließlich digitale Pfade zu mehr Zeitwohlstand ausloten und Maßnahmen für die Reduktion von Zeit-Rebound-Effekten eruieren.
Dieser Track wird angeleitet von Dr. Sonja Geiger (TU Berlin) und Gerrit von Jorck (TU Berlin).